2025

Dr. Nils Minkmar - Laudatio auf Daniel Cohn-Bendit

Meine Damen und Herren,
liebe Freunde,
sehr geehrter Herr Cohn-Bendit,

wenn wir uns im Frühjahr zusammensetzen, um die oder den nächsten Preisträger zu bestimmen, kann das durchaus in eine längere Diskussion ausarten – besonders dann, wenn eine Persönlichkeit aus einem speziellen Bereich kommt, der Wissenschaft oder der Literatur, und nicht alle Mitglieder der Académie mit ihr vertraut sind. Sie können sich vorstellen: In diesem Jahr war das anders. Es war ein kurzer Moment, eine kurze Beratung – und sofort Einigkeit.

Denn es ist kaum möglich, sich für die deutsch-französischen Beziehungen, für die Geschichte, Gegenwart und Zukunft beider Länder zu interessieren, ohne zwangsläufig auf Sie zu stoßen, Herr Cohn-Bendit. Sie sind womöglich der einzige Politiker, der sowohl in Frankreich als auch in Deutschland – Regierungschefs einmal ausgenommen – zu einer Figur der Zeitgeschichte geworden ist. Wobei die jüngste Inflation französischer Premiers Ihren Bekanntheitsgrad inzwischen kaum mehr einholen dürfte.

Wer – wie ich – in einer politisierten deutsch-französischen Familie aufgewachsen ist, fiel in das Thema Cohn-Bendit wie Obelix in den Zaubertrank. In meiner Familie war völlig klar, auf wessen Seite man stand. Meine Eltern wollten dabei sein, als Sie 198 bei Saarbrücken über die Grenze sollten – ein kleiner historischer Moment an der deutsch-französischen Schnittstelle. Leider machte die Realität des Familienlebens dem großen europäischen Pathos einen Strich durch die Rechnung: Ich musste pünktlich aus dem Kindergarten abgeholt werden, und meine Mutter entschied sich verständlicherweise für mich statt für die große Geschichte.

Es ist genau diese Energie, die ich also aus meiner Kindheit kennen, die wir heute würdigen wollen: eine Energie, die man aus bandes dessinées, aus Superheldengeschichten oder sogar aus antiken Sagen kennt. In Ihrem politischen Universum gibt es keine Erschöpfung, kein Zaudern, kein Zögern, wenn es um Menschenrechte, Demokratie und europäische Einigung geht.

Man kann Tage damit verbringen, im Netz nachzusehen, mit wem Sie sich alles angelegt haben. Da war dieser berühmte Moment im Europäischen Parlament, als Sie Martin Schulz, der gerade zu einem Zwischenruf ansetzte, mit einem knappen „Ta gueule!“ bedachten. Oder Nicolas Sarkozy, den Sie öffentlich kritisierten, weil er als amtierender Präsident nach Beijing zu den Olympischen Spielen reisen wollte, statt die inhaftierten Uiguren zu besuchen. Und erst kürzlich brachten Sie einen jungen LFI-Abgeordneten an den Rand seiner Fassung – schlicht, weil Sie ihn ungefragt duzten.

Das ist jene pure politische Energie, die jede Diskussion mit Ihnen in ein kleines Naturschauspiel verwandelt: Man sitzt ganz nah am Magma, aus dem Europa entstand. An der Quelle der Menschenrechte, der Freiheit, der Grundfragen des Zusammenlebens. Sie führen nahezu jedes politische Detail zur europäischen Grundfrage zurück, ohne sich im Kaninchenbau der Fachpolitik zu verlieren.

Betrachtet man die Reihe Ihrer Engagements – von Bosnien-Herzegowina über die Ukraine, über Menschenrechte weltweit, über die Klimafrage bis hin zur europäischen Einigung –, kann man eigentlich nur bedauern, dass Sie nie ein Mann der Apparate oder Parteizentralen werden wollten. Wir stünden heute, in diesem schwierigen europäischen Winter, vielleicht besser da, wenn man früher auf Sie gehört hätte. Europa war gerade in den letzten Tagen angesichts des jüngsten Putin-Trump-Plans einmal mehr unvorbereitet, überfordert, hilflos – genau davor warnen Sie seit Jahren.

Doch gerade Persönlichkeiten, von denen man meint, sie zu kennen, verdienen es, dass man zu einem solchen Anlass ihre Geschichte noch einmal aufmerksam liest. Denn schon der Beginn Ihres Lebens war kein sanfter Start in das goldene Zeitalter der Babyboomer, sondern ein politisches Statement. Die Alliierten waren gelandet und Herta Cohn-Bendit brachte einen gesunden jüdischen Jungen zur Welt.

Damals sprach man wenig von Traumata, von den seelischen Spätfolgen des Verfolgtseins – und schon gar nicht von dem, was sie für die nächste Generation bedeuteten. Wenn man versucht, sich in Ihre Eltern hineinzuversetzen – linke Juden, die in den dreißiger und vierziger Jahren durch Europa gejagt wurden und nicht in die USA einreisen durften –, wird klar, wie tief die erste Schicht Ihres politischen Bewusstseins reicht. Der Lebensweg Ihrer Mutter allein wäre Stoff für eine Serie. Eine Kindheit, die man in Frankreich unter „Ce n’était pas de tout repos“ einsortieren würde: viele Ortswechsel, die Scheidung der Eltern, eine Bürokratie von kafkaesker Güte – und die Tatsache, dass Sie, einer der bekanntesten Franzosen, erst 2015 die französische Staatsbürgerschaft erhielten.

Wir müssen diese dritte, die jüdische, Dimension Ihres Engagements mitdenken, um die Kraft Ihres europäischen Denkens in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen. Der lachende, rothaarige Frankfurter Junge, den jedes Kind kannte, ist zugleich die popkulturell moderne Verkörperung einer jüdischen bürgerlichen Tradition, die in dieser Stadt einst zu Hause war – einer Tradition der Freiheit, des Ungehorsams, der republikanischen Wachsamkeit.

Nach dem 7. Oktober, nach dem barbarischen Überfall der Hamas auf israelische Kibbuzim und das Nova-Festival, hat die jüdische Identität für Sie eine neue Dringlichkeit bekommen. Sie werden heute nicht nur als Deutscher, sondern ausdrücklich auch als Jude angefeindet – und schmerzhaft bleibt festzuhalten, dass das klare, selbstverständliche Echo aus Teilen der Linken fehlt. Die symbolische Dimension des Antisemitismus wird weiterhin ignoriert, und der Schutz jüdischen Lebens ist weder in Frankreich noch in Deutschland selbstverständlich geworden.

Und so kommt Ihnen erneut eine komplizierte, notwendige Rolle zu – Sie sind sie gewohnt. Sie kritisieren die israelische Regierung entschieden und illusionslos und stehen zugleich unverrückbar gegen Antisemitismus ein. Ihre Haltung wirkt auf manche paradox: Wer mit der Flagge Israels demonstriert, soll auch die palästinensische tragen – und umgekehrt. Ein Gedanke, der in Berlin-Neukölln nicht leichter zu vermitteln ist als in den Banlieues oder in französischen Fernsehstudios.

Als Sie jüngst bei Léa Salamé zu Gast waren, fragte sie, ob Sie diese Vision wirklich für realistisch hielten, angesichts der Lage im Nahen Osten.

Eine sehr gute Frage. Sie stellte sich in Ihrem Leben bereits öfter. War es realistisch, dass Sie – von de Gaulle aus dem Land gewiesen – einer der bekanntesten Franzosen werden würden? Was es realistisch, dass Europa die Ukraine mit Panzern und Kampfflugzeugen unterstützt?

Und ist es realistisch, dass ein linker deutsch-französischer Jude heute hier, nur wenige hundert Meter von den Schreibtischen entfernt, an denen die mächtigsten Männer ihrer Zeit Ihre Familie und alle Juden zum Tode verurteilt haben, den Preis der Académie de Berlin entgegennimmt?

In einer verrückten Welt sind Ihre Visionen, Ihr politischer Wahnsinn, der wahre Realismus, sehr geehrter Herr Cohn-Bendit.

Danke – für Ihren Mut, Ihre Energie, Ihre Haltung.

Und von Herzen: Herzlichen Glückwunsch!