Der mächtigste Literat der Welt

„Das Glück ist eine neue Idee in Europa“. Die Worte des Abgeordneten Saint-Just vom März 1794 sind als eine Pathosformel der Französischen Revolution im Gedächtnis geblieben. In ihr spiegelten sich der vorwärtsdrängende Elan und das Zukunftsvertrauen, mit denen die Revolutionäre in Frankreich die Monarchie beseitigen, die Republik errichten und gleichzeitig den Gang der europäischen Geschichte verändern wollten. Elan und Vertrauen in die Zukunft sind mit der Wahl Emmanuel Macrons auf die politische Bühne zurückgekehrt und beeinflussen das demokratische Klima in ganz Europa.

Die Wahl Emmanuel Macrons ist ein europäisches Ereignis – und ein französisches Phänomen. Mit Macron haben die Franzosen einen Präsidenten gewählt, der von der Literatur so nachhaltig geprägt wurde wie vor ihm nur François Mitterand. Als ein Fernsehjournalist Macron eine Taschenbuchausgabe von Molières „Misanthrope“ in die Hand drücken wollte, um mit ihm zusammen die Anfangsszene des Stücks durchzuspielen, erwiderte der künftige Präsident, das sei unnötig – und rezitiert spontan die Worte des griesgrämigen Alceste. Wie alle Bewerber legte auch Macron rechtzeitig vor der Präsidentenwahl ein neues Buch vor; es trug den Titel „Révolution“ und ist auch ins Deutsche übersetzt worden. Das Anfangskapitel „Was ich bin“ schildert seine Jugendjahre als literarischen Bildungsroman.

1977 in Amiens geboren, ist der Lebensweg Macrons ein exemplarisches Beispiel für die „ascension républicaine“. Raffiniert bedient Macron dabei die Vorurteile gegenüber der Metropole, die sich in jedem Land finden, in Frankreich Paris gegenüber aber besonders ausgeprägt sind. Seine Heimat ist die „französische Provinz“, die Lokalisierung „entre les Hautes-Pyrénées et la Picardie“ erlaubt es Macron, den historisch tiefsitzenden Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden Frankreichs einzuebnen. „Meine Jugend habe ich mit Büchern verbracht“, schreibt Emmanuel Macron und nennt die Autoren, die ihn auf Rat der Großmutter besonders beeindruckten: Molière, Racine, Georges Duhamel, Mauriac, Giono. Die Auswahl wirkt nicht konstruiert, aber sie bedient mit Geschick eine Vielfalt von Geschmacksrichtungen: Molière und Racine stehen für die Klassik in Komödie und Drama, mit Mauriac zeigt sich der Einfluss des französischen Katholizismus, in Giono kommt die Liebe zum einfachen Leben in der Provence zum Ausdruck und die Wahl von Georges Duhamel, „auteur un peu oublié“, demonstriert, dass der Leser sich vom etablierten Kanon nicht einengen ließ.

Macron beschreibt eine Jugend, deren Glück im Lesen und im Schreiben lag, sich dadurch aber von der Außenwelt nicht fernhielt: „Das wahre Leben ist nicht abwesend, wenn man liest.“ Macron wurde – auch dies ein Topos französischer Autobiographien – in der „école républicaine“ erzogen, der laizistischen Schule, in der seit dem Gesetz von 1905, das Kirche und Staat trennte, aus kleinen Franzosen Bürger der Republik werden. Später besuchte er ein Jesuitenkolleg, das den bezeichnenden Namen „La Providence“ (Vorsehung) trug. Stärker noch als die Schule beeinflusste ihn seine Großmutter, die Lehrerin war. Die Beziehung zu ihr schildert Macron in Sätzen, die den Proust-Ton nicht verleugnen, wobei sich ihm der Duft des von der Großmutter bereiteten Kaffees so eingeprägt hat wie Marcel Proust der Geschmack der Madeleine. Ohne Zögern schwärmt Macron vom bildungsbürgerlichen Wohlsein der Jugendzeit – „Nach dem Unterricht trank man heiße Schokolade, hörte Chopin und entdeckte Giraudoux“ -, um unmittelbar daran anschließend auf ein Motiv seiner Wahlkampagne zu sprechen zu kommen: „Dabei habe ich in den letzten Jahren oft an junge Musliminnen gedacht, die man mit ihrem Schleier in der Schule und in der Universität sieht.“ Seine Großmutter, so Macron, hätte unzweifelhaft den „Obskurantismus“ eines islamistischen Milieus beklagt, das diese Mädchen daran hindert, sich ihren ganz persönlichen Bildungsweg zu wählen. Gleichzeitig hält es Macron für eine Illusion, durch administrative Maßnahmen wie Kopftuchverbote dem „Obskurantismus“ Einhalt bieten zu können. Eine im Wahlkampf nicht ungefährliche Äußerung, die dazu führte, dass man ihm Laxheit gegenüber dem wachsenden Einfluss des Islamismus vorwarf.

Das Glück dieses „immobilen Lebens fern vom Getöse der Menschen“ wird durch das Klavierspiel und die Entdeckung des Theaters gesteigert. Mit seiner Lehrerin Brigitte arbeitet der junge Emmanuel Monate lang an einem Theaterstück, das sie auch gemeinsam inszenieren wollen. Sie verlieben sich ineinander, „das Schreiben war nur ein Vorwand“, Jahre später wird Brigitte seine Frau. Mit sechzehn wird Macron nach Paris geschickt und erlebt auch die Metropole als literarisches Ereignis, wobei jetzt Balzac den Ton angibt: „Ich würde an Orten wohnen, die nur in Romanen existierten, ich ging die Wege, die die Personen von Flaubert und Victor Hugo gegangen waren. Ich wurde von der gleichen, alles verschlingenden Ambition getrieben wie die jungen Wölfe bei Balzac .. Ich liebte diese Jahre auf den Höhen der Montagne Sainte-Geneviève“. Macron als Rastignac.

Macron „bekennt“, dass er es nicht auf die Ecole Normale geschafft hat, erinnert aber daran – im Land der „Concours“ ist das unvermeidlich -, dass er in Amiens immer „Erster“ war, er studiert Philosophie in Nanterre, geht dann an die Sciences Po und schließlich auf die Kaderschmiede ENA. Der Weg in die höchsten Ämter steht ihm nun offen. Eine Schlüsselrolle spielt der Philosoph Paul Ricœur, für den Macron Archivarbeiten leistet und der ihn zunächst überhaupt nicht beeindruckt, weil er ihn nicht gelesen hat. Dann wird auch die Beziehung zu Ricœur zum pädagogischen Ereignis: „An der Seite Ricœurs habe ich das vergangene Jahrhundert kennengelernt und erfahren, wie man Geschichte versteht.“ Der Philosoph bringt zum ersten mal „gravitas“ in das Leben Macrons, lehrt ihn, Theorie und Realität aufeinander zu beziehen. Aufschlussreich sind die Auslassungen in Macrons „Wahlkampfbuch“. Von Hegel und Kant, die er studierte, ist darin eben sowenig die Rede wie von Machiavelli. Im Wahlkampf beschreibt der glühende Europäer Macron eine französische Kindheit. Dieser „Bildungsroman“ ist, ohne dass dabei die Sympathie für den Autor verlorengeht, ein Beispiel raffinierter Selbstinszenierung.

Die Wahl Macrons erscheint – in Deutschland mehr noch als in Frankreich – als vorläufig krönender Abschluss einer Erfolgsgeschichte. Einige Zahlen mahnen dabei zur Vorsicht den Glanz dieses Erfolges nicht zu überschätzen. Mehr als 25 Prozent der Franzosen sind nicht zur Wahl gegangen, die höchste Zahl seit dem Jahr 1969 als sich mit Georges Pompidou und Alain Poher die Rechte und das Zentrum gegenüberstanden und die Linke nur Wahlbeobachter war. Nie gab es in der V. Republik so viele ungültige Stimmen bei einer Präsidentenwahl wie dieses Mal: 4 Millionen. Nur 44 Prozent der Wahlberechtigten haben Macron gewählt und von den Wählern Macrons sagt fast die Hälfte, sie habe nicht für ihn sondern gegen Marine Le Pen gestimmt. 33 Prozent stimmten für Macron, weil sie ihn für einen Erneuerer halten, 16 Prozent schätzten sein Programm, 8 Prozent seine Persönlichkeit.

Emmanuel Macron steht vor der drängenden Aufgabe, seine Legitimitätsbasis zu erweitern. Eine Schonfrist wird ihm nicht gewährt. Die Franzosen staunen, wie schnell es Macron gelang, mit seiner Bewegung „En Marche“ mehr Anhänger zu gewinnen als jede andere Partei. Gleichzeitig wird jeder Fehler, den die neugegründete Partei „La République En Marche“ macht, so unnachsichtig angeprangert als existierte sie vom Anbeginn der V. Republik. Anders als den Präsidenten vor ihm wird Macron keine Schonfrist gewährt. Die radikalen Gewerkschaften formieren sich zu einem „Front Social“ und bereiten die ersten Streiks vor, wenn Macron sein Wahlversprechen wahrmachen sollte und das Arbeitsrecht ändert. Millionen von Franzosen warten darauf, dann ihrem Lieblingssport nachzugehen: „Descendre dans la rue“. In der Konfrontation mit Macron hat Marine Le Pen elf Millionen Wählerstimmen erhalten. Dennoch wird die größte politische Herausforderung für den neugewählten Präsidenten nicht vom Front National kommen. Der FN ist durch den miserablen Auftritt Marine Le Pens im Fernsehduell mit Macron geschwächt; der Jungstar Marion Maréchal Le Pen hat Kritik an ihrer Tante gewagt und jedes politische Amt vorerst niedergelegt, Marine Le Pens „Leutnant“ Florian Philippot droht, die Partei zu verlassen, wenn der Ausstieg aus dem Euro nicht weiter Bestandteil des Parteiprogramms bleibt.

Die größte Gefahr für Emmanuel Macron droht von Jean-Luc Mélenchon, der den Ehrgeiz hat, zum Oppositionsführer in der im Juni neu gewählten Nationalversammlung zu werden. Wie kein anderer französischer Politiker verkörpert Mélenchon die Rolle des Volkstribunen, sein Ziel, die Sozialistische Partei nicht zu schwächen sondern sie zu ersetzen, ist realistisch. Er wird viele Wähler des FN auf die Seite seiner Bewegung „La France Insoumise“ ziehen, weil, wie so oft in der Geschichte, die Programme der äußersten Rechten und der äußersten Linken sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Mélenchon spielt den Nachfahren der französischen Revolutionäre, in der Statur ähnelt er Danton, eine amerikanische Firma verklagte er, weil in einem von ihr produzierten Computerspiel Robespierre und Saint-Just zu schlecht wegkamen. Für Mélenchon war die Schreckensherrschaft, „La Terreur“, ein integraler Bestandteil der Revolution, er ist der moderne Jakobiner.

Emmanuel Macron hat den Titel seines Buches mit Bedacht gewählt, auch er sieht sich in der Tradition der Französischen Revolution. Im Gegensatz zu dem rabiaten Jakobiner Jean-Luc Mélenchon aber müsste man Macron zu den Girondisten zählen, der liberal orientierten Reformfraktion, die an der Monarchie festhielt. In Macron und Mélenchon spiegelt sich der grundlegende Konflikt der Revolution wider, ein Gegensatz der politischen Parteinahmen, den Napoleon in seiner Person aufheben sollte: Er vereitelte den gegenrevolutionären Coup der Royalisten und machte gleichzeitig dem Furor der Jakobiner und der Sansculotten ein Ende.

Emmanuel Macron ist vorsichtig, wenn er nach seinen politischen Vorbildern gefragt wird. Er ist ein „Ambitieux“ wie de Gaulle, aber er beruft sich auf den General vor allem, weil ihm die Größe Frankreichs am Herzen liegt. Nur beiläufig lässt Macron erkennen, dass er de Gaulle vor Augen hat, wenn er den parteipolitischen Gegensatz von Rechts und Links, ein Erbe der Französischen Revolution, einebnen will. De Gaulle verkörpert für die Franzosen den „homme providentiel“, den Mann, der von der Vorsehung geschickt wurde, um das Vaterland aus einer schwierigen Situation zu retten. Der Glaube an den „homme providentiel“ ist eine französische Obsession, sie kommt darin zum Ausdruck dass der blitzartige Aufstieg Macrons mit der Kometen-Karriere Napoleons verglichen wird. Die entsprechende Parallelführung wirkt dabei oft konstruiert. Was für Napoleon die Artillerie, sei für Macron die Hochfinanz gewesen, Napoleon habe seine Wurzeln in der Provinz, auf Korsika gehabt wie Macron in der Picardie, der eine habe Naturwissenschaften, der andere Philosophie studiert und schließlich hätten beide ältere Frauen geheiratet. Das wirkt etwas albern, zeigt aber das Ausmaß der Phantasie mit der Beobachter auf das „Phänomen Macron“ reagieren.

Als Emmanuel Macron im August 2016 Präsident Hollande düpierte und seinen Rücktritt als Wirtschaftsminister bekannt gab, um seine eigene Bewegung zu gründen, sprachen die erbosten Sozialisten von Verrat und einer „démarche bonapartiste“. Ein „soupçon de Bonaparte“ ist seitdem in allen Kommentaren zur Karriere Macrons zu spüren. Mehr als eine „Spur“ von Bonaparte entdeckt Haïm Korsia, der Großrabbiner Frankreichs, im Gründer der „République En Marche“: „In der Tat, Macron, das ist Bonaparte.“ Ernst zu nehmen ist die Äußerung des ehemaligen Ministerpräsidenten Dominique de Villepin, der sich die Achtung der Franzosen sicherte, als er im Februar 2003 vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in einer flammenden Rede die Weigerung Frankreichs begründete, sich am Irakkrieg von George W. Bush zu beteiligen. „Ich glaube“, schrieb de Villepin, als er nahelegte, das „politische Start-Up Macron“ mit Napoleon zu vergleichen, „Monsieur Macron hat einen beträchtlichen Vorteil … Er hat die Fähigkeit, uns alle zu überraschen, durch seine Jugend, durch seinen Elan, er wird Europa und die deutsche Kanzlerin, Madame Merkel, auf Trab bringen und auch auf der Weltebene  einiges in Bewegung setzen.“ In Emmanuel Macron den neuen Napoleon Bonaparte zu sehen, zeigt, wie groß die Hoffnungen vieler Franzosen sind, der neue Präsident werde die führende Rolle Frankreichs in der Europäischen Union wiederherstellen. Vor Größenwahn schützt Macron dabei seine Frau Brigitte, deren Spottlust vor ihrem Mann nicht halt macht: „Manches Mal glaubt der, er sei Jeanne d’Arc!“

Wolf Lepenies